In Österreich zeigt sich ein alarmierender Fachkräftemangel im Bereich der psychischen Gesundheit, der die Versorgung psychisch kranker Menschen stark gefährdet. Laut einem aktuellen Bericht der Die Presse sind die bestehenden Strukturen nicht in der Lage, den wachsenden Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden. In einem Land, in dem die Zahl der psychisch Erkrankten steigt, sind Krisensituationen oft die einzige Möglichkeit für Patienten, in psychiatrische Einrichtungen aufgenommen zu werden. Das hat zur Folge, dass viele Menschen nach einer kurzen, unzureichenden Behandlung wieder entlassen werden und schnell erneut Hilfe benötigen – ein Phänomen, das auch als „Drehtürpsychiatrie“ bekannt ist.
Diese Herausforderung wird durch die Zunahme traumatisierter Menschen, die aus Kriegsgebieten und durch Migration kommen, verstärkt. Die Bevölkerung ist durch Krisen wie die Pandemie belastet, was die Situation zusätzlich verschärft. Zudem gibt es einen signifikanten Anstieg des Drogenkonsums, besonders im Hochdosisbereich, was die geografischen und sozialen Unterschiede innerhalb Österreichs verstärkt und die Versorgungskrise noch weiter anheizt.
Wirtschaftlicher Druck und Fachkräftemangel
Die Situation ist nicht nur eine Herausforderung auf der Ebene der Patientenversorgung, sondern auch von wirtschaftlicher Natur. Die DKG berichtet von einem angespannten wirtschaftlichen Umfeld für psychiatrische und psychosomatische Kliniken in Deutschland, was auch Auswirkungen auf österreichische Institutionen haben könnte. Hier haben 72 % der psychiatrischen Abteilungen ihre wirtschaftliche Lage als mäßig bis schlecht eingestuft. Viele Einrichtungen sehen sich gezwungen, Investitionen auf Eis zu legen und offene Stellen unbesetzt zu lassen.
Über 70 % der Kliniken berichten von starken finanziellen Einbußen, was zu einer weiteren Verschlechterung der Versorgungslage führt. Dr. Gerald Gaß fordert hitzig realistische Personalvorgaben und weniger bürokratische Hürden, um internationale Fachkräfte anzuwerben. Eine Maßnahme, die vielen Kliniken von Vorteil sein könnte, ist die Unterstützung dieser Fachkräfte durch Integrations- und Einarbeitungsprogramme.
Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachbereichen ist in der aktuellen Gemengelage von entscheidender Bedeutung. In Österreich sind die Möglichkeiten zur interdisziplinären Behandlung stark eingeschränkt. Strenge Datenschutzbestimmungen erschweren den Informationsaustausch zwischen den beteiligten Parteien, was die Effektivität der Behandlung leidet.
Ein Grund für den Mangel an Fachkräften ist auch der Stellenwert der stationären Behandlung unter jungen Mediziner:innen. Es zeigen wenig Interesse am stationären Bereich, was dazu führt, dass wertvolle Erfahrung und Fachkompetenz verloren gehen. Obwohl es Bemühungen gibt, in spezialisierten Zentren schwerstkranke Patienten adäquat zu behandeln, bleibt der Handlungsbedarf enorm.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die psychische Versorgung in Österreich und auch in unseren Nachbarländern vor massiven Herausforderungen steht. Die Kombination aus Fachkräftemangel, wirtschaftlichem Druck und steigenden Patientenzahlen dürfte ohne dringende Reformen und Maßnahmen kaum zu bewältigen sein. Die Auswirkungen auf die Lebensrealität der Betroffenen – inklusive der Angehörigen und der Gesellschaft im Allgemeinen – sind nicht zu unterschätzen.