Ein neuer Roman sorgt aktuell für Aufregung in Wien. „Vienna – Blinding Lights“ von Lara Holthaus dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen der fiktiven Livia Hohenburg und Nicolas. Livia ist die Tochter von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig – ein besonders brisantes Detail, das die Geschichte in einem leicht skandalösen Licht erscheinen lässt. Der Bürgermeister wird als Multimillionär und Kopf der „Hohenburg Immogroup“ charakterisiert, was bei vielen Fragen aufwirft: Ist das eine Allegorie auf aktuelle politische Gegebenheiten in der Stadt? Und was ist mit den Vorwürfen der Veruntreuung, die der Wiener Kurier gegen ihn erhebt?
Der Roman schafft es in 428 Seiten nicht nur, die Herzen der Leser:innen zu erobern, sondern wirft auch ein besonderes Licht auf Wiens Siedlungsraum – allerdings nicht immer in der richtigen Richtung. So verortet eine Stadtkarte im Buch die Josefstadt hinter der Hauptuni und das Rathaus wird als Kunsthistorisches Museum bezeichnet. Diese geografischen Unstimmigkeiten sind nicht nur der Freude der Leser abträglich, sondern lassen auch an den Recherchen des Buches zweifeln. Livia, die Staatsoper anhand von „vier weißen Türmen“ identifiziert, zeigt Unkenntnis über das Gebäude, das tatsächlich flach ist.
Ungenauigkeiten und Geschichtswissenschaft
Besonders brisant erscheinen die historischen Ungenauigkeiten im Roman. Eine Figur behauptet, Wien sei seit 1916 keine Monarchie mehr, was schlichtweg falsch ist – die Habsburgermonarchie endete offiziell erst 1918. Außerdem wird die Abschaffung der Adelstitel in Österreich nicht thematisiert, welcher ein wichtiger Bestandteil der Geschichte der Habsburgermonarchie war. Über diesen Herrschaftsbereich, der von 1273 bis 1918 existierte und sich durch seine Vielfalt auszeichnete, gibt es interessante Dokumentationen in der modernen Historiografie. Die Habsburgermonarchie entstand 1526 durch die Vereinigung österreichischer, böhmischer und ungarischer Länder und war eine der letzten großen Vielvölkerstaaten, die den Ersten Weltkrieg nicht oder nur kurz überlebten.
Auf die Habsburgermonarchie blicken auch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, wie die des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, die von den unterschiedlichen Raumkonzepten und den narrative Strukturen der Habsburger berichten. Themen reichen von der Zentralisierung der Verwaltung unter Maria Theresia bis hin zum Nationalismus im 19. Jahrhundert, der zu innerpolitischen Problemen führte und schließlich das Ende der Monarchie einleitete. Die Habsburgermonarchie ist nicht nur eine historische Größe, sondern soll auch als vorbildliches Beispiel für heutige politische Strukturen dienen.
Fazit
Es bleibt abzuwarten, wie das Publikum auf die Mischung aus Fiktion und historischen Verwerfungen im Buch von Lara Holthaus reagieren wird. Ob die Unstimmigkeiten in der Präsentation Wiens und seiner Geschichte für die Leser:innen ausschlaggebend sein werden oder ob sie sich einfach von der Liebesgeschichte mitreißen lassen, ist nicht klar. Doch eines steht fest: Die öffentliche Debatte um den Roman hat bereits jetzt begonnen und zeigt, wie tief verwurzelt die Historie in der Wiener Identität bleibt. „Vienna – Blinding Lights“ könnte mehr als eine einfache Liebesgeschichte sein – vielleicht ist es der Beginn eines neuen Kapitels in der Auseinandersetzung mit Wiens Vergangenheit und Gegenwart.