In Wien sorgt der geplante Ausbau der Autobahn S1 für hitzige Diskussionen. Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) sieht den Ausbau als entscheidenden „Bypass für überlastete Verkehrsgefäße“ und hat sich über Monate intensiv mit dem Projekt beschäftigt. Der Professor für Verkehrswissenschaften, Frey, kritisiert jedoch die Grundlagen für den seit 2009 angestrebten Lückenschluss und macht auf fehlgeleitete Prognosen aufmerksam. Diese zeigen, dass das Verkehrsaufkommen in der geplanten Region weit hinter den aus der Vergangenheit abgeleiteten Erwartungen zurückbleibt.
Laut den Prognosen der Asfinag aus dem Jahr 2012 würden ohne den Ausbau der S1 täglich 30.000 Kraftfahrzeuge durch Essling fahren, während die tatsächlichen Zahlen im Jahr 2024 unter 20.000 Kfz lagen. Ähnlich sieht es an der Breitenleer Straße aus: Hier wurde ein Aufkommen von 23.000 Fahrzeugen ohne S1 prognostiziert, tatsächlich waren es bis 2024 nur 15.000 Kfz. Der größte Verkehrsträger, die Südosttangente (A23), die täglich von 220.000 Fahrzeugen frequentiert wird, ist für nur 45.000 Fahrzeuge ausgelegt und führt zu einer Überlastung, die sich negativ auf die Lebensqualität auswirkt.
Kritik am Verkehrskonzept
Frey warnt davor, dass der S1-Ausbau nicht nur das Verkehrsaufkommen erhöhen könnte, sondern auch negative Auswirkungen auf die Umwelt hat und der dringend benötigten, kompakten Stadtentwicklung in Wien schadet. Er erinnert an die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, wo große Verkehrsstrukturen oft kleine, praktische Lösungen ersetzt haben und der öffentliche Verkehr nicht mithalten kann. Ein Beispiel dafür ist die Shopping City Süd in Vösendorf – obwohl sie öffentlich erreichbar ist, pendeln die meisten Besucher mit dem Auto.
Hanke argumentiert, dass der Ausbau nicht nur für den Verkehr, sondern auch für den Wohnraum wichtig sei, da er Platz für 55.000 neue Wiener schaffen könnte. Doch Kritiker wie Frey befürchten, dass dies zu einer steigenden Autoabhängigkeit und Zwangsmobilität führen könnte. Der Ausbau der S1 könnte somit auch die städtische Vision eines nachhaltigen und gut erreichbaren Lebensraums behindern.
Die Rolle von Prognosen
In diesem Kontext erscheint es wichtig zu betonen, dass Prognosen eine wesentliche Rolle in der Verkehrsplanung spielen. Sie sind nicht nur „Wenn-Dann-Aussagen“, sondern unterstützen politisch-strategische Entscheidungen zur zukünftigen Gestaltung der Verkehrsinfrastruktur. Wichtige Faktoren, die eine Verkehrsprognose beeinflussen, sind unter anderem die Bevölkerungsentwicklung, die wirtschaftliche Lage sowie Siedlungsstrukturen und Nutzerkosten, wie BMV Fahrzeug-Zukunft beschreibt.
Die Prognosen helfen, verschiedene Entwicklungsszenarien zu skizzieren – von der mittelfristigen bis hin zur langfristigen Betrachtung. So werden beispielsweise alle zwei bis drei Jahre gleitende Mittelfristprognosen erstellt, während die langfristigen Szenarien über Jahrzehnte hinweg formuliert werden. Diese Daten sind entscheidend, um fundierte Entscheidungen für die Verkehrsinfrastruktur zu treffen und eventuell notwendige Anpassungen vorzunehmen, um einer möglichen Überlastung der Verkehrsrouten entgegenzuwirken.
Die laufenden Auseinandersetzungen rund um den S1-Ausbau verdeutlichen, wie wichtig es ist, sowohl kurzfristige als auch langfristige Verkehrsprognosen in die Planungen einzubeziehen, um nicht nur die Mobilität zu gewährleisten, sondern auch die Lebensqualität in den wachsenden Stadtteilen Wiens zu erhalten. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die Debatte weiterentwickelt und ob Hanke seine Pläne durchsetzen kann.